Mittwoch, 28. April 2010

Frühlingsgedanken

Der Jüngling Frühling macht mich meinen Herbst vergessen,
zumindest tut sein Bestes er, dass dies gelinge,
und ich, wie von der Jugendtrunkenheit besessen,
dreh mich im Hula-Hoop mit meinen Jahresringen.

Was habe ich, ich alter Esel, nur im Kopf?
Das Jungsein spürt man in den Knochen und im Fleisch,
und alle Willigkeit hilft nicht mir armen Tropf:
es tut der Leib nicht mehr, was ich zu tun ihn heisch!

Im Kabarette witzeln gern die Unterhalter
ob des Johannestriebs vergebne Liebesmühen.
Ich lache mit, vergesse, dass ich selbst ein Alter
und meine roten Rosen lang schon nicht mehr blühen.

Doch sollte ich vielleicht dem jungen Frühling grollen,
weil er mich denken macht, was ich nicht denken will?
Viel weiser ist’s, sich zu erfreuen an seinem Tollen,
denn was noch auf mich zukommt, das ist stumm und still.

Montag, 8. März 2010

Der tote Freund

An manchen Tagen legt wie Schimmel
Erinnern sich aufs schwere Herz,
und ehe noch der Sinn des Wechsels
und des Filters sich entfaltet,
im übermüdeten Bereich
des Hirns sich zum Begreifen formt,
steigt Trauer durch die Speiseröhre
mir ätzend auf in meinen Rachen.

Schnell wieder finde ich zurück
und frag, woher das Rufen kam,
wer an mich dachte, wen ich dachte,
als dieses Denken mich durchdrang,
sich lähmend von der Stirne senkte,
und ich geschlossnen Auges suchte
nach einem Namen, einem Bild
von einem, den ich einst gekannt.

Du also warst es, vermein ich zu wissen,
da des Freundes lachendes Bild mir erscheint,
wenn auch die Züge, so seltsam verfremdet,
den andern, den vielen zu gleichen beginnen.
Dann wird auch das Lachen verloren, als wär
es Dir auferlegt, Unmut zu zeigen,
bis die Bewegung des Mundes gefriert,
und Du verschwindest, verbleichendes Bild.

Ich hebe die Hand und streich aus der Stirne
verwirrte Gedanken wie lästige Runzeln,
Den Rücken straff ich, ich drehe den Blick
zu dem Photo, das uns noch als Jünglinge zeigt,
wie wir beide die Welt noch zu ändern glaubten.
Du, ruft mein Blick ihm zu, Du hast gemeint,
dass doch nur jenes gilt, was man versucht.
Ausgelöscht bist Du, und mir bleibt die Trauer.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Steigerungsstufen

Liebste, so wolltest Du, dass ich Dich nenne,
auch noch am Morgen nach durchliebter Nacht.
Doch als ich‘s versuchte, da musst ich bekennen,
dass dies mir schwer fiel, und Du hast gelacht,

dann mir einen Stupser dort unten verpasst,
wo vorher am Abend ich in meiner Fülle
stolz mich gefühlt und sogar geprasst,
doch jetzt nur noch schweigende, trocknende Hülle.

Sollte ich lernen, wie sich deklinieren
die Lust und die Liebe, sich Geben und Nehmen?
Kann sich mein Sprachgefühl wirklich so irren:
Superlativ bei dergleichen Themen?

Steig ich jedoch von oben herab,
vom Elativ endend im Positiv,
so grabe ich unsrer Leidenschaft Grab.
Was immer ich tue, es läuft alles schief.

Wie klingt „meine Liebe” so schrecklich banal,
Pastorendeutsch mit dem Finger erhoben,
Lauwarme Liebe schmeckt schal, doch fatal
erweist sich Grammatik, mit Liebe verwoben.

Dienstag, 2. Februar 2010

Ach, wär ich doch ein Faschingsnarr

Wenn ich was sage, hört man selten zu,
und falls dann doch, legt auf die goldne Waage
man jedes Wort, obwohl ich alles tu
nicht aufzufallen und mich nie beklage.
Dann denk ich auf dem Hocker einer Bar,
ach, wär ich doch ein Faschingsnarr!

Ich würde meinen Freunden gern erzählen,
was mir so einfällt, mich erfreut, bedrückt,
die aber wollen immer selber wählen,
von wem und was zu hören sie entzückt.
Ich bleib allein, sowie ich‘s immer war.
Ach, wär ich doch ein Faschingsnarr!

Die Träume suchten lange schon das Weite,
wer will denn die Probleme andrer hören?
So geht die edle Nächstenliebe pleite.
Man trägt ein Schild mit „Bitte nur nicht stören!”
als brächt mein Wort das Leben in Gefahr.
Ach wär ich doch ein Faschingsnarr!

Doch sage ich von Schwarzen, Braunen, Roten,
was alle denken, doch zumeist verschweigen,
bewerfe sie mit Dreck, erzähle Zoten,
dann darf ich offen mich der Menge zeigen.
Die jubelt: Grandios und wunderbar!
mir zu, dem armen Faschingsnarr!

Samstag, 19. Dezember 2009

Jenseits des Fensters

Der kleine Fensterspalt,
durch den ich oft nach außen schau,
zeigt nackt und grau
mir einen Himmel,
ausgebleicht und alt.

Vielleicht sind draußen Flüsse, Wiesen, Wald,
von denen man aus Büchern mir gelesen,
doch wie das auch in meinem Schädel widerhallt,
in mir bleibt nur: was wär gewesen?

Seit wann, warum...?
Die Mutter konnte es nicht wissen,
dass dieses Mittel, ihr vom Arzt verschrieben,
um die Beschwerden ihrer Schwangerschaft zu lindern,
für mich, da ich noch Fötus in ihr war,
das Wachsen und Entwickeln meiner Glieder
so hindern würde, dass ich zwar ein Leben
mit dem Schrei des Neugeborenen begrüßte,
doch dann, als ich zu denken anfing,
ich nicht begreifen konnte,
es nicht verstehen wollte.

Die Mutter konnte es nicht wissen.
Wie sie, trägt niemand Schuld daran,
dass ich geworden, so wie ich jetzt bin,
gebunden an ein Bett, allein befähigt
den Kopf zu heben und zu wenden,
wenn ich gefüttert werde, oder
Verdautes aus dem Rumpf zu stoßen,
wenn man es so von mir verlangt.

Vielleicht jedoch war ich es selbst,
der es verhindern hätte können,
als damals ich Idee erst, Wille,
ins Dasein mich gewaltsam drängte?

War da noch etwas anderes?
Ist da noch etwas anderes?
Kann etwas, oder jemand, oder....
sich auch nur denken, ob es anders
sollte sein, geworden sein?

Ist dort ein Himmel, ein Bestimmtes,
ein unbestimmtes Irgendetwas,
das dies hier alles trägt und lenkt
und ohne Ziel noch Wert besteht?

Wenn ich für jenes ohne Namen,
das ich nicht lernte zu benennen,
nach einem Namen suche, so,
da es doch ich und alles ist,
will ich es auch mit Du benennen
oder auch Gott, mein Gott? was soll’s!

Ich sehe durch den Fensterspalt
auf einen nackten, grauen Himmel,
der ausgebleicht und abgenützt!