Montag, 29. September 2008

Schattenspiel

Können Schatten brennen? 

Hasst es mein Schatten, wenn ich die Augen schließe? 
Wag' ich bei Tag mich ins Freie, 
hängt er sich an meine Sohlen, 
auch wenn ich mich nicht bewege, 
wandert er langsam mit Uhrzeigersinn, 
unsichtbar, sichtbar, immer um mich herum. 

 Einst saß ich im Park mit einem Wesen, 
von dem ich heute nichts mehr weiß, 
und damals wohl auch kaum etwas gewusst. 
Vor unseren Füßen lagen grinsend die Schatten. 
 Das Grinsen seh' ich noch immer, 
auch wenn ich heute allein unter der alten Platane hocke, 
um meinen Schatten von ihr zerdrücken zu lassen. 

Wenn aber zwei oder mehrere Schatten sich paaren, 
wird es dann schattiger, schwärzer? 
Gibt es schwärzer als schwarz? 
Bricht ein Licht auf von irgendwo, 
zuckt mein Schatten zurück, erschreckt, 
als wollte man ihn verbrennen, 
und er verkriecht, versteckt sich, 
verkriecht sich, versteckt sich in Winkeln 
oder wirft sich herum nach hinten, 
hinter die Widerstände, 
die Wurzeln und die Hinterseite des Lebens, 
das sich dem Licht entgegenstreckt, 
um hinter sich den Schatten zu wissen. 

Angst aber hat er, mein grinsender Schatten, 
dass dieses Spiel mit dem Licht 
nur verloren werden kann, 
denn wenn ich einmal, 
na ja, sagen wir verschwinden sollte, 
verschwindet auch er wohl, 
erstickt neben mir „6 Fuß unter der Erde“!

Mittwoch, 25. Juni 2008

Ängstliche Verwirrung

Schüttle nur deinen bedeutenden Kopf,
wenn das, was ich dir im Vertrauen zu flüstern gewagt,
nicht deiner Erwartung entspricht.

Hebe die schwere Hand,
den Daumen drehe nach unten,
dass die Hyänen gleich mich beheulen.

Wie sie stürzen auf mich
und den Flaum meiner Lippe beriechen,
den Spargelgeruch und der Achselhöhlen Katarrh.

Wie soll ich die Zeichen dir deuten,
da meinen pochenden Brustkorb die Trunkenheit weitet,
wie heißer Honig Gesang auf meinen Scheitel tropft.

Freilich bleibt mir die Mutter, die sanfte,
die mit dem Schürzenzipfel der Druiden magische Zeichen
von der Schicksalstafel abwischt.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Frühlingsabschied

Adieu, du Frühling! 

Mach deinen letzten Schnaufer, 
bevor du auf ein Jahr zur Ruhe gehst. 
Verführ uns nicht zu leeren Wahngelüsten, d
enn niemand will mehr deinen Tau ver- 
kosten an deinen sehr imaginären Brüsten, 
was du nur allzu gut verstehst, 
da einst du dich von Seufzern der Poeten nährtest, 
von ihren Achs, dem Schmachten, den Karessen,  
die du den keuschen Jüngling, seiner Liebsten lehrtest. 

Du glaubtest an den Fortbestand des Dusels der Gefühle, 
doch lerntest unter Schmerzen du indessen, 
dass diese Zeit vorbei und nur die kühle 
Vernunft und die Berechnung in der Liebe gelten. 
So lass es gut sein und verdamm nicht diese Welten 
zu Pest und Schwefel oder Diarrhöe! 
Wenn du nicht aufpasst, wirst du dich erkälten 
im ersten Sommerregen. Hatschi! Schnell Adieu!

Dienstag, 13. Mai 2008

Sechzehn Zeilen

Da deinen Namen meine Lippe trug, 

den wundgeliebten und vermaledeiten, 
stieg mein Verlangen, dich zu mir geleiten 
und dich zu halten, wie den vollen Krug, 
 aus dem mir einmal deine Liebe floss, 
und mich mit blinden Gesten so umwog, 
dass sich mein Leib ergab in deinem Sog 
und deine Fülle sich auf mich ergoss.  

Die Erde ich, die deine Feuchte trank, 
Gewitter, Sturm und Himmel du, ja du, 
so jauchzten wir berauscht einander zu, 
bis sich der Zauber brach, die Lust versank 
 und unsre Blicke sich zur Seite wandten. 
Dann gingst du fort mit einem leisen Gruß, 
Wohin? Ich lauschte deinem leichten Fuß, 
der zögernd sich verlor im Unbekannten.

Dienstag, 15. April 2008

Der Pianist von nebenan, ein grauer Mann

der mit den Jahren schon geschrumpft und leicht verzogen,
und auch in seiner Haltung ziemlich untertan:
er spielte , was man ihm befahl und überdies ,
wenn eine leicht beschwipste Schöne ihm ein Glas

auf sein Piano stellte und ein Lächeln schenkte,
mit schweren Augenlidern in die Leere starrend,
Akkorde aus dem Vaterland von Smetana,
voll süßer Traurigkeit der fernen Moldauwellen.

Die Bar von nebenan war wie ein Ausgedinge
an das Casino angehängt, wo jede Nacht
die Reichen und die anderen ihrem Spieltrieb frönten,
sich um die Tische drängten, wo die Kugel rollte.

Sich selbst belügend, jagend nach Gewinn und Glück,
bis ihnen beide von der Kugel abgenommen
und sie ins Nebenan, die kleine Bar, sich schleppten,
wo freundlich sie das Moldauwellenklimpern grüßte.

Der Pianist, als er noch jung war und verwegen,
da zeigte er den Fräuleins seine schwarzen Locken
und ließ als Künstler sich bewundern am Klavier,
wenn er den Schmachtenden voll Schmalz die Moldau spielte.

Dann aber kam die Ehe und ein kleines Glück,
das viel zu schnell zerbrach. Die Locken wurden schütter,
aus dem Hotelpalast ins Nebenan, die Bar,
wo jeden Abend mehrmals er die Moldau spielte.

So auch in der Silvesternacht, wo ein Kassier
das ganze Geld des Sparvereins zuerst verspielte,
ins Nebenan dann ging, wo unser Pianist
gerade wieder seine Moldau sprudeln ließ.

Warum jedoch der Mann zuerst den Pianisten
und dann sich selbst, was leichter man verstehen könnte,
mit zwei Pistolenschüssen wortlos ausgelöscht,
weiß niemand näher und kann nur vermutet werden.

Ins Nebenan kam bald ein neuer Pianist
und mit ihm kam die Blaue Donau in die Bar.
Vorbei das Moldauklimpern, doch wie man so sagt,
es war zwar nicht sehr gut, doch kommt nichts Besseres nach!